Zwischen Fürsorge und Forschungszielen: Wie kann Forschung mit Kindern zu sensiblen Themenbereichen ethisch reflektiert werden?

Die wachsende Mediatisierung von Kindheit führt zur Verlagerung der kindlichen Erfahrungswelten ins Internet. Gleichzeitig sind Kinder oftmals allein und unbetreut im Internet unterwegs. Die Folge sind Sicherheitsgefährdungen, wie beispielsweise Cybermobbing, Cybergrooming, Desinformation oder Hass und Hetze, die Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigen können. Wie aber kann Onlinekommunikation für Kinder durch Forschung sicherer und partizipativer ausgestaltet werden?

Der Artikel[1] gibt Einblicke, wie im Bereich der Sicherheitsforschung die Stärkung von Kinderrechten partizipativ ausgestaltet werden kann. Dabei werden forschungsethische Antworten gegeben, wie kindzentrierte Regulierungs- und Befähigungsansätze in der Forschung zu sensiblen Themen berücksichtigt werden können. Anhand verschiedener Spannungsfelder wird skizziert, wie einerseits die Partizipation von Heranwachsenden gestärkt und andererseits ihr Schutz gewährleistet werden kann. 

Zivile Sicherheit ist eine zentrale Frage in freiheitlichen Demokratien: Heranwachsende sollen sich zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Bürger*innen entwickeln können, die mit gesellschaftlichen Institutionen kooperieren und sich in ihrem Land sicher fühlen, dabei aber – auch digital – gesellschaftliche Teilhabe erfahren und selbstbestimmt in sozialer Verantwortung handeln lernen. Ein Zugang um Kinder(rechte) im Bereich der zivilen Sicherheit zu stärken, ist Partizipation. Da junge Heranwachsende in der Onlinekommunikation frühzeitig sozialisiert werden, ist es wichtig, ihre Perspektiven und Erfahrungen zu hören, um Sicherheitsgefährdungen adäquat entgegenwirken zu können. Denn Kinder sind im digitalen Raum nicht nur Konsumierende, sondern auch Kreierende und Kontaktpersonen bei der Kommunikation mit Dritten. Folglich sollte eine Forschung mit Kindern nicht „aus der Vogelperspektive betrieben werden“ (Liebel 2021: 234).  Eine zentrale Frage in der Ausgestaltung von partizipativer Forschung mit Kindern lautet daher, wie „angesichts gegebener generationaler Differenzen geteilte Verantwortung für einen Forschungsprozess übernommen werden kann“ (Stith / Roth 2006 zit.n. Eßer / Sitter 2018: 2).

Aufgrund des erhöhten Schutzbedarfs von Kindern zeigen sich jedoch zentrale Ambivalenzen bei der (partizipativen) Sicherheitsforschung in sensiblen Themenfeldern. Kindheit gilt als besonders verletzliche Lebensphase, die Auswirkungen auf die Identität als erwachsene Person und damit auch auf Möglichkeiten politischer und sozialer Teilhabe hat. Gravierende negative Erfahrungen von Kindern können zu psychischen und physischen Belastungen bis hin zu Traumata führen, welche die gesunde Entwicklung und Entfaltung von Kindern beeinträchtigen können. Sowohl die Relevanz mit Kindern zu forschen als auch die Rechtfertigung der Forschungsziele, sollten daher bereits vor Beginn des Forschungsvorhabens plausibel zum Wohl von Kindern begründet werden.

Aus kinderrechtlicher Perspektive sind zentrale Spannungsfelder der Dreiklang von Schutz, Beteiligung und Befähigung, für deren Abwägung jeweils das Kindeswohl (best interest) entscheidend ist. Das Spannungsfeld Beteiligung vs. Schutz impliziert, die Autonomie der Kinder zu beachten und gleichzeitig Schutz und Fürsorge für Kinder zu berücksichtigen. Um Befähigung zu stärken, sind die sich noch entwickelnden Fähigkeiten (,evolving capacities´) des Kindes zu berücksichtigen. Das heißt, dass der Entwicklungsstand des Kindes sowohl im Kindheitsverlauf als auch unter Kindern der gleichen Kindheitsphase variiert.  

Aus forschungsethischer Sicht bedarf es daher einer kindgerechten und entwicklungsangemessenen informierten Einwilligung, die je nach Alter unterschiedlich ausgestaltet werden kann. Entwicklungsstandgerechte Formen einer informierten Einwilligung sind demnach kontextspezifisch zu entwickeln, um Kinder angemessen in der Forschung einzubeziehen, sie in ihrer eigenen Entscheidungsfindung zu befähigen, aber gleichzeitig nicht zu überfordern.

Im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Information ist es daher bedeutsam, auch die Grenzen der Umsetzbarkeit von Partizipation im eigenen Forschungsprozess zu reflektieren und dies transparent gegenüber allen Beteiligten zu machen. Zudem muss vor, während und nach dem Forschungsprozess der Einbezug bzw. die Rolle der beteiligten Sorgeberechtigten reflektiert werden. Für eine fundierte systematische Folgenanalyse sollten die Wirkung und Folgen von Partizipation sowie der Einbezug von Hilfesystemen (wie zum Beispiel Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter*innen, psychosoziale Beratung oder Angebote der Jugendhilfe) im gesamten empirischen Prozess immer wieder reflektiert werden.

Für eine angemessene und altersgerechte Beteiligung von Kindern in der Forschung sollten neben dem Entwicklungsverlauf auch sozio-kulturelle und individuelle Besonderheiten berücksichtigt werden. Damit Kinder mit unterschiedlichen Bedarfen und Fähigkeiten partizipieren können, ist eine zielgruppenorientierte und kindgerechter Sprache von zentraler Relevanz. Darüber hinaus bedarf es barrierefreier Teilnahmemöglichkeiten, denn alle Kinder haben ein Recht auf Partizipation an sie betreffender Forschung. Ein weiteres Augenmerk sollte darüber hinaus auf Gruppendynamiken gelegt werden, um wachsam gegenüber Ausgrenzung und Mobbing in der Peer-Group zu sein. Es sollte ein vertrauensvoller Umgang etabliert werden, in dem Kinder keine Scham empfinden. Zudem sollte ihnen die Angst genommen werden, wenn sie von erlebten Situationen berichten, negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Innerhalb des Forschungsdesigns sollten zudem methodische Vorüberlegungen zur Forschung mit Kindern und Jugendlichen vorangestellt werden, damit ihr Schutz gewährleistet werden kann und das Wiedererleben von Viktimisierungserfahrungen verhindert wird.

Aus kinderrechtlicher Perspektive wird deutlich, dass Heranwachsende in der Forschung als handelnde Subjekte zu sehen sind, deren Perspektiven, Bedarfe und Lösungsvorschläge in allen sie betreffenden Lebensbereichen einbezogen und gehört werden sollten. Denn ein stärkerer Einbezug von Kindern leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag für intra- und intergenerationale Gerechtigkeit, sondern ermöglicht es auch, die entstehenden Forschungsergebnisse aussagekräftiger und zielgruppengerechter zu machen.

Quellen:

Eßer, Florian / Sitter, Miriam (2018): Ethische Symmetrie in der partizipativen Forschung mit Kindern. FQS Forum: Qualitative Sozialforschung, Vol. 19. No. 3. Art. 21

Liebel, Manfred (2021): Kinderrechtsforschung auf der Suche nach einem eigenen Profil. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung/Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research Heft 2-2021, S. 223-239

 

[1] Der Artikel basiert auf dem forschungsethischen Konzept „Zwischen Fürsorge und Forschungszielen. Ethische Leitlinien für die Forschung mit Kindern zu sensiblen Themenbereichen“ (Stapf/Bieß/Heesen/Adelio/Pavel et al. 2022). Das forschungsethische Konzept richtet sich an Forschende in öffentlichen und privaten Einrichtungen und versteht sich als Beitrag für eine kindgerechte und ethische reflektierte Umsetzung kindlicher Beteiligungsansprüche an alle Kinder betreffenden Themen in sämtlichen Bereichen.  12 Reflexionskriterien fassen die zentralen Punkte des Dokumentes zusammen und können gesondert abgerufen werden.

Ingrid Stapf, Cora Bieß, Jessica Heesen, Oduma Adelio, Carla Pavel, et al. (2022): Zwischen Fürsorge und Forschungszielen. Ethische Leitlinien für die Forschung mit Kindern zu sensiblen Themenbereichen. Tübingen: IZEW, Materialien zur Ethik in den Wissenschaften, Band 20.