Veränderung anstoßen- Haltung entwickeln

Koloniale Kontinuitäten haben Einfluss auf dominierende Machtverhältnisse, die in alle Lebensbereiche reichen. Sie formen somit Strukturen, Haltungen und soziale Interaktionen. Post- und dekoloniale Ansätze zeigen auf, wie wirkmächtig das  ,koloniale Erbe´ bis in unsere Gegenwart ist. Auch das Feld der Friedensarbeit und zivilen Konfliktbearbeitung ist von kolonialen Kontinuitäten geprägt. Um Friedensarbeit zu verändern und rassismus- und machtkritisches Denken und Handeln in der zivilen Konfliktbearbeitung zu stärken, bedarf es daher einer selbstreflexiven Auseinandersetzung mit eigenen kolonialen Verstrickungen. Post- und dekoloniale Perspektiven können hierbei eine hilfreiche Brille sein, um gegenwärtige Konflikte (selbst-) kritisch zu analysieren und eine machtkritische Haltung zu entwickeln.

Ausgangslage: Frieden und koloniales Erbe

Aufgrund der Verwobenheit von Kolonialität/Modernität versteht Cruz (2021) ,Frieden´ als eine Repräsentation von westlichem Wissen, Praktiken, Normen und Werten. Post- und Dekoloniale Ansätze stellen dieses Selbstverständnis fundamental in Frage. Sie irritieren und können dabei als Deutungsangebot zur kritischen Analyse von Friedensarbeit dienen, indem sie die normative Haltung, die der Friedensarbeit zugrunde liegt, hinterfragen.

Denn Friedensarbeit innerhalb der Moderne ist laut Cruz´(2021) eng mit eurozentrischer Macht verbunden. Diese koloniale Machtmatrix formt ein nicht-lineares, komplexes System (Quijano 2000). Aus der Perspektive einer Kolonialität des Friedens kritisieren daher Castro Varela und Dhawan (2017: 240) hegemoniale Interessen, die im Namen des Friedens verankert und institutionalisiert werden (ebd.: 242).

Dekolonialität kann als ,otherwise’ der Kolonialität verstanden werden (Escobar 2007, Mignolo/Walsh 2018). Ziel ist es dabei nicht die Kolonialität zu reparieren oder zu korrigieren. Vielmehr geht es  um einen Paradigmenwechsel, der auf die Möglichkeit von alternativen Lebensformen und Weltverhältnisse jenseits der kolonialen Moderne hinweist. Um diese Anerkennung möglich zu machen, bedarf es aber verschiedener Perspektiven und Erfahrungswerte, die über die bisher gängige weiße Praxis der Friedensarbeit und Konfliktbearbeitung hinausgehen.

Friedensarbeit verändern

Diverse Perspektiven auf die Praxis der Friedensarbeit existieren, doch bekamen sie bislang einen marginalisierten Raum, weshalb es für einen Veränderungsprozess innerhalb der Friedensarbeit wichtig ist, diese zu hören, zu verstehen und von ihnen zu lernen. Damit das gelingt, müssen Komplexitäten, Widersprüche und Gleichzeitigkeiten der (Selbst-)Verortung im Feld der Friedensarbeit benannt und hinterfragt werden. Diese kritische Selbstreflexion geht einher mit einer systemischen Perspektive auf Ursachen für strukturelle Gewalt.

Hierbei ist es Aufgabe von machtkritischer Friedensarbeit, die eigene Kompliz*innenschaft von struktureller Gewalt zu hinterfragen. Denn in gesellschaftlichen Praktiken gibt es keine macht- und diskriminierungsfreien Räume. Daher ist auch eine Selbstreflexion von Akteur*innen der Friedensarbeit und ihr Wirken im politischen Raum im Zusammenspiel von Machtungleichgewichten wichtig, um nicht (unbeabsichtigt) weiße Strukturen in der zivilen Konfliktbearbeitung zu reproduzieren. Denn zivile Konfliktbearbeitung in Deutschland ist zwar mehrheitlich weiß-deutsch geprägt, was aber nicht gleichermaßen für die Akteur*innen der ZKB gelten muss.

Was bedeutet das? Partizipationsmöglichkeiten variieren in Abhängigkeit zur eigenen Privilegierung. Deshalb ist es wichtig, bei der Durchführung von Konfliktanalysen, bei Bedarfserhebungen, bei Kooperationen mit Projektpartner*innen und bei der Planung und Durchführung von Maßnahmen und Aktivitäten immer machtkritisch zu reflektieren:

  • Wer spricht/denkt/interagiert/handelt wie mit wem?
  • Wie ist die Person gesellschaftlich positioniert?
  • Was ist dabei im Fokus, und was wird nicht gesehen?
  • Wo und wie wird dadurch das soziale Umfeld beeinflusst?
  • Warum wird gehandelt und aus welcher Perspektive wird gesprochen?
  • Wem wird zugehört, wem nicht?

Um Power sharing und Power shifting zu ermöglichen ist es wichtig, dass sich weiße Vorherrschaft im Feld der Friedensarbeit und zivilen Konfliktbearbeitung selbst „vom Zentrum der Welt deplatziert“ (Andreotti et al. 2015: 36). „White Supremace ist die Ideologie, dass weiße Menschen und die Ideen, Gedanken, Ansichten und Handlungen weißer Menschen den People of Color und deren Ideen, Gedanken, Ansichten und Handlungen überlegen sind. Die weiße Vorherrschaft durchdringt unsere Kultur, Institutionen und Beziehungen. Es ist ein sich selbst aufrechterhaltendes System, das Kolonialismus, Ausbeutung, Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Brutalität, die People of Color erfahren, weiter anheizt.  Eine Kultur der weißen Vorherrschaft hält sich selbst aufrecht, indem sie People of Color ausgrenzt.“ Glossar Diskriminierung/Rassismuskritik

Dieser Veränderungsprozess lässt allerdings neue Leerstellen in institutionellen Haltungen, ihrer Arbeitsweisen und Selbstverständnissen zu Tage treten. Es werden Brüche mit herkömmlichen Praktiken entstehen, und es werden Widersprüche sichtbar werden. All diese Ambivalenzen werden wir lernen müssen auszuhalten. So kann Raum für marginalisierte Perspektiven entstehen.

Ein Ansatz dabei kann es sein, das Verständnis von Frieden zu pluralisieren und eine Diversität von Friedensverständnissen anzuerkennen, welche lokalisiert und gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

Friedensförderung als Dekolonialisierungsprozess

Friedensarbeit in diesem Verständnis, bedarf immer politischer Aushandlungen, bei der folgende Aspekte stärker ins Zentrum treten:

  • Aus post- und dekolonialer Perspektive ist gewaltfreies und gerechtes Lernen nur möglich, wenn auch marginalisierte Wissensformen einbezogen und anerkannt werden.
  • Für Akteur*innen der Friedensarbeit heißt das, gängige Methoden und Konzepte macht- und herrschaftskritisch zu reflektieren.
  • Auch bei dem Einbezug von Literatur kann einer weißen Kanonisierung entgegengewirkt werden, wenn nicht nur dominante, westliche Verständnisse über Frieden und Konfliktbearbeitung herangezogen werden.
  • vielfältigeres Wissen über Friedensarbeit kann gefördert werden, wenn über die Fremdsprachen ehemaliger Kolonialherrschaften hinaus (wie Englisch, Spanisch, Französisch, Deutsch) auch Sprachen minorisierter Gruppen angeboten werden.
  • Nicht der Mensch allein steht im Zentrum von Friedensbemühungen, sondern relationale Mensch-Naturverhältnisse werden mitbedacht. Denn die isolierte Betrachtung von Menschen bezeichnet Alimonda (2019) als Kolonialität der Natur, weshalb Friedensarbeit auf Menschen, Natur und vielfältige Entitäten ausgeweitet werden.
  • Es bedarf eine neue Form von relationaler (Friedens-)Ethik (TallBear/Willey 2019). Wenn intergenerationale Gerechtigkeit zum Leitbild einer machtkritischen Friedensarbeit wird, wie es beispielsweise bei Buen Vivir (Gudynas 2012) verankert ist, können räumlich und zeitlich entgrenzte gewaltvolle Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen und Umwelt stärker in den Fokus rücken. In Debatten über die Folgen der Klimakrise und die Frage nach Generationengerechtigkeit, kann hierbei Konfliktbearbeitung verbunden mit einer dekolonialen Perspektive einen neuen Rahmen setzen.

Fazit: Stärkung dekolonialer Haltung

Eine dekoloniale Haltung zeichnet sich durch einen lebenslangen Prozess des Verlernens (Spivak 1990) aus. Einerseits kann eine dekoloniale Haltung durch epistemische Demut (in Bezug auf das Wissen wie Frieden gefördert und Konflikte bearbeitet werden) gefördert werden. Andererseits kann sie durch eine aktive Beziehung zueinander gestärkt werden, wodurch andere Perspektiven, Haltungen und Erkenntnisse auf Augenhöhe erfahrbar einbezogen werden.

Eine dekoloniale Haltung kann durch Ambiguitätstoleranz gefördert werden. Dies ist verbunden mit einer herrschaftskritischen Anerkennung der eigenen Kompliz*innenschaft und Verwobenheit mit (struktureller und epistemischer) Gewalt.

Zudem bedarf es einer positiven Fehlerkultur, indem entdeckte Wahrnehmungslücken dankbar angenommen werden und Differenz anders gedacht wird.

Abschließend geht eine dekoloniale Haltung mit einem anderen Verständnis von Menschheit einher, wobei Menschen als Lebewesen inmitten vieler Lebewesen verstanden werden.

von Cora Bieß, Kontakt: cora.biess@pzkb.de

Cora Bieß ist Referentin im Projekt "Friedensarbeit verändern. Rassismus- und machtkritisches Denken und Handeln in der Zivilen Konfliktbearbeitung"

Quellen

Alimonda, Héctor (2019): The Coloniality of Nature. An Approach to Latin American Political Ecology, in: Alternautas 6: 1, 102-142.

Andreotti, Vanessa de Oliveira/ Sharon Stein/ Cash Akenahew/ Dallas Hunt (2015): Mapping interpretations of decolonization in the context of higher education, in: Decolonization: Indigeneity, Education & Society: 4: 1, 21-40.

Castro Varela do Mar, Maria/ Dhawan, Nikita (2017): Postkoloniale Studien in den Internationalen Beziehungen. Die IB dekolonisieren, in: Sauer, Frank/ Masala Carlo (Hrsg.): Handbuch Internationale Beziehungen, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 233-256.

Coronil, Fernando (2000): Naturaleza del poscolonialismo: del eurocentrismo al globocentrismo, in: Lander, Edgardo (Hrsg.): La colonialidad del saber: eurocentrismo y ciencias sociales, BuenosAires: CICCUS, CLACSO, 53-67.

Cruz, Juan Daniel (2021): Colonial power and decolonial peace, in: Peacebuilding, 1-15.

Escobar, Arturo (2007): Worlds and Knowledges Otherwise, in: Cultural Studies 21: 2-3, 179-210.

Maldonado-Torres, Nelson 2007: On the Coloniality of Being. Contributions to the development of a concept, in: Cultural Studies 21: 2-3, 240-270.

Gudynas, Eduardo (2012): Buen Vivir. Das Gute Leben jenseits von Entwicklung und Wachstum. Rosa-Luxemburg Stiftung

Mignolo, Walter D./Walsh, Catherine (2018): On Decoloniality. Concepts, Analytics, Praxis, Durham: Duke University Press.

TallBear, Kim/Willey, Angela (2019): Introduction. Critical Relationality: Queer, Indigenous, and Multispecies Belonging Beyond Settler Sex & Nature, in: Imaginations 10:1, 5-15.

Quijano, Anibal (2000): Coloniality of Power, Eurocentrism, and Latin America, in: Nepantla: Views from South 1:3, Durham: Duke University Press, 533-580.

Spivak, Gayatri Chakravorty (1990): The Post-Colonial Critic. Interviews, Strategies, Dialogues. Routledge.