Privilegienbewusstsein stärken für eine antirassistische Haltung

„Your privilege is not a reason for guilt, it is part of your power, to be used in support of those things you say you believe.“ (Lorde 2009: 21[1])

Durch soziale Bewegungen wie „Black lives Matter“ (BLM), oder die Diskussion um die Feier des 200. Todestages von Napoleon in Frankreich[2] finden Dekolonisierungsfragen im politischen Diskurs immer mehr Gehör. Bis heute sind Rassismus und Diskriminierung globaler Konfliktgegenstand, der ein System von Machtungleichgewichten aufrechterhält und reproduziert, wodurch die sozialen Hierarchien in unserer Welt bestimmt werden (Roig 2021[3]). Rassismus hat eine soziale, komplexitätsreduzierende Ordnungsfunktion, was die Gefahr birgt, dass diskriminierende Strukturen reproduziert werden, in dem Menschen konstruierten Gruppenzugehörigkeiten zugeordnet werden. Dabei werden Menschen nicht mehr als Individuen wahrgenommen, sondern aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit werden ihnen spezifische Merkmale, Eigenschaften, Einstellungen und Positionen in der Gesellschaft zugeschrieben. Dies begünstigt ein In-Group-Out-Group-Bias, bei dem Mitglieder der In-Group gegenüber Out-Group-Mitgliedern bevorzugt werden (Tajfel/Stroebe 1982[4]). Zuschreibungen aufgrund von (vermeintlichen) Gruppenzugehörigkeiten fördern Stereotype und Vorurteile und bieten damit einen Nährboden für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Um Rassismus und Diskriminierung entgegenzuwirken, muss daher sowohl die Konstruktion von In-Group-Out-Group Bildungen adressiert werden, wie auch ihr Zusammenspiel von Privilegierung und Diskriminierung reflektiert werden, die durch Langzeiteffekte des Kolonialismus[5] manifestiert wurden. Bis heute prägen diskriminierende und rassistische Strukturen gesellschaftliche Interaktionen, die auf Machtasymmetrien aufbauen und dazu führen, dass bestimmte Gruppen von Menschen Privilegien gegenüber anderen haben, die Diskriminierung und Benachteiligung erfahren[6]. Emilia Roig, Autorin von „why we matter“ (2021)  spricht von vier verschiedenen, ineinandergreifenden Dimensionen der Diskriminierung: individuell, strukturell, institutionell und historisch. Sie verdeutlicht, dass Rassismus über das individuelle Level der Diskriminierung hinausgeht, weil es dafür eine historische, institutionelle oder strukturelle Grundlagen gibt. Insofern spiegelt Diskriminierung bestehende Machtungleichgewichte wider und instrumentalisiert sie. Dabei bedient sich Diskriminierung verschiedener Formen von Gewalt und kann andererseits selbst auch als Gewalt angesehen werden.

Problematisch ist, dass sich viele Menschen ihrer Privilegien nicht bewusst sind, obgleich diese ihre individuellen und kollektiven Lebenserfahrungen weitreichend prägen[7]. Dies trifft insbesondere auch auf weiße[8] Menschen zu, weshalb die US-amerikanische Erziehungswissenschaftlerin Peggy McIntosh[9] die Metapher eines „unsichtbaren Rucksacks voller Privilegien“ eingeführt hat, den weiße Menschen (unbewusst) mit sich tragen. Indem weiße Privilegien als selbstverständlich und normal betrachtet werden, obwohl sie nur für weiße Menschen gelten, umfasst Weißsein folglich das Privileg, sich nicht mit Rassismus auseinandersetzen zu müssen. Strukturen und Mechanismen, die zu Rassismus führen werden dadurch häufig verschleiert [10]. Bei dem Begriff ,Weißsein‘ ist nicht die Hautfarbe gemeint, sondern er beschreibt die sozio-politische Zugehörigkeit und die damit einhergehende Machtposition. „weiß“ wird kursiv geschrieben, um den Konstruktionscharakter dieser Position zu markieren. Der Begriff wird als Gegensatz zu People of Color (PoC) verwendet.  Durch diese Gegenüberstellungen werden historische und soziologische Aspekte hinterfragt, die einerseits zu einer Privilegierung weißer Menschen und andererseits zu Benachteiligung von PoC und Schwarzen führen. Der zugrundeliegende Ansatz  „Critical Whiteness“ adressiert Strukturen die Rassismus rechtfertigen oder begünstigen und hinterfragt historisch gewachsene Konstruktionen, die das „Weißsein“ als Norm und Maßstab, und ,Nicht-weiße‘ als Abweichung oder Abstufung dieser Norm festschreiben.

Die soziale, komplexitätsreduzierende Ordnungsfunktion von Rassismus ist ein entscheidender Faktor, warum sich (offen oder verdeckt) diskriminierende Politik immer wieder durchsetzt, auch in demokratisch verfassten Staaten. Daher muss in der Ausgestaltung von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen immer reflektiert werden, wer wann, wie, wodurch und welche Zugänge hat, und wie diese Zugänge mit Machungleichgewichten zusammenhängen.

In gesellschaftlichen Praktiken gibt es keine machtfreien und rassismusfreien Räume und Partizipationsmöglichkeiten variieren in Abhängigkeit zur eigenen Privilegierung. Daher ist eine Selbstreflexion von Akteur*innen der Politik, Behörden und Institutionen im Zusammenspiel von Machtungleichgewichten eine notwendige basale Grundkomponente für Gerechtigkeit. Denn erst durch die Erkennung der (eigenen) weißen privilegierten Position wird ein Verstehen von Rassismus und Diskriminierung möglich, das ein nachhaltig wirksames Handeln gegen Rassismus und Diskriminierung voraussetzt.

Ein erster Schritt, sich der eigenen Handlungsmöglichkeiten gegen Rassismus und Diskriminierung bewusst zu werden, kann folglich eine aktive Auseinandersetzung mit dem Zusammenspiel von Privilegien und Diskriminierung darstellen. Hierzu kann eine angeleitete Reflexion über die eigene Positionierung mit Hilfe eines Privilegienchecks einen Rahmen bieten. Dabei sind nicht Anschuldigungen, Schuldgefühle (Lorde 2009: 21), oder Scham das Anliegen des Reflektierens über Privilegien[11], sondern die Förderung einer privilegienbewussten, selbstreflexiven rassismus- und diskriminierungskritischen Haltung, auf der entsprechendes prosoziales Handeln aufbauen kann.

Denn der prosoziale Einsatz von Privilegien ermöglicht es, Einfluss auf das eigene Umfeld zu nehmen und vielfältige Veränderungen oder gesellschaftlichen Wandel anzustoßen oder voranzutreiben, um damit Diskriminierung, als einer Form von Gewalt, aktiv entgegenzutreten. Dieser Prozess wird auch als „Powersharing“ bezeichnet, in dem durch ein Privilegienbewusstsein Ressourcen für das Empowerment von minorisierten Gruppen zugänglich gemacht werden, ohne über deren Einsatz und Verwendung zu bestimmen. Powersharing umfasst dabei das Einnehmen einer aktiven Haltung, in der wir uns selbst als Teil der Gesellschaft wahrnehmen und bei einer gerechteren Verteilung von Macht und Zugängen mitwirken.

Um Powersharing institutionell zu fördern, sollten Privilegienchecks integraler Bestandteil von Organisationsentwicklungen sein, mit dem Ziel dekoloniale Praktiken anzustoßen.

Quellen:

[1] Lorde, Audre (2009): „Commencement Address: Oberlin College“. In: Byrd, Rudolph P./Cole, Johnnetta Betsch/Guy-Sheftall, Beverly (Hrsg.): I Am Your Sister: Collected and Unpublished Writings of Audre Lorde. New York: Oxford UP, 213-218

[2] Von Randow, Gero (2021): Zu viel Ehre für einen Rassisten? Frankreich feiert Napoleons 200. Todestag. Die Kritiker sind schon auf den Barrikaden. In: Die Zeit. N 16. 15.04.2021. Geschichte, Seite 17

[3] Roig, Emilia (2021): Why we matter. Das Ende der Unterdrückung. Aufbau Verlag.

[4] Tajfel, Henri / Stroebe, Wolfgang (1982): Gruppenkonflikt und Vorurteil. Entstehung und Funktion sozialer Stereotypen. Huber

[5] Castro Varela, Mariá do Mar / Dhawan, Nikita (2020): Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. 3. Auflage. UTB Verlag.

[6] Dehler, Sannik Ben (2020): Scham umarmen. Wie mit Privilegien und Diskriminierungen umgehen? W_orten & meer. Hiddensee, 2. Auflage

[7] McIntosh, Peggy (2001): „White Privilege and Male Privilege. A Personal Account of Coming to See Correspondences through Work in Women’s Studies (1988)“. In: Andersen, Margaret L./Hill Collins, Patricia (Hrsg.): Race, Class, and Gender. An Anthology. Belmont, CA: Wadsworth/ Thomson Learning, 95-105.

[8] Arndt/Eggers/Kilomba/Piesche: (2017): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Unrast Verlag.

[9] McIntosh, Peggy (2001): „White Privilege and Male Privilege. A Personal Account of Coming to See Correspondences through Work in Women’s Studies (1988)“. In: Andersen, Margaret L./Hill Collins, Patricia (Hrsg.): Race, Class, and Gender. An Anthology. Belmont, CA: Wadsworth/ Thomson Learning, 95-105.

[10] Helmi, Jara/ Marjanović, Petar (18.06.2020): Was ist White Privilege? 4 Punkte zur Bevorzugung der Weissen. Online verfügbar unter: https://www.watson.ch/schweiz/international/307487633-was-heisst-white-privilege-und-critical-whiteness, zuletzt geprüft am 20.04.2021